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Die Sammlung Paul Schwenke

Die Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz besitzt neben einer bedeutenden Einbandsammlung wichtige Durchreibungssammlungen von Einbänden des 15. und 16. Jahrhunderts. Während die Sammlungen von Ilse Schunke und Konrad von Rabenau primär den Bereich des Renaissanceeinbandes abdecken, spiegelt die Schwenke-Sammlung die Einbandkunst der Spätgotik wider. Sie geht zurück auf den Inkunabel- und Einbandforscher Paul Schwenke (1853-1921), der bereits im Jahre 1895 Forderungen nach einem Gesamtregister aller in Bibliotheken mit Altbeständen durchgeriebenen Einbandstempel erhob. Diese Forderungen trug Schwenke 1898 in Dresden mit dem Vortrag "Zur Erforschung der deutschen Bucheinbände des 15. und 16. Jahrhunderts" in Fachkreisen vor. Als Zentrale für ein derartiges Vorhaben war das Germanische Museum in Nürnberg vorgesehen.

Sein Appell für ein gemeinsames Vorgehen blieb jedoch zunächst ungehört, so dass Schwenke sich entschloss, die Aufgabe selbst zu übernehmen. Im Jahre 1899 als Direktor der Druckschriftenabteilung an die Königliche Bibliothek zu Berlin berufen und 1906 zum Ersten Direktor neben Adolf von Harnack ernannt, nutzte er neben den Berliner Beständen auf zahlreichen Urlaubsreisen jede freie Minute, um seine Stempelsammlung auszubauen. Mit Unterstützung seiner Frau, die ihm vor allem beim Anfertigen der Durchreibungen half, trug er bis zum Ende seiner Amtszeit Stempel- und Einbanddurchreibungen aus ganz Deutschland zusammen. Viele der in ihr enthaltenen Durchreibungen wurden von Handschriften- und Inkunabeleinbänden angefertigt, die heute zu den Kriegsverlusten gerechnet werden müssen.

Schwenkes Vorhaben, die gesamte Sammlung nach seiner Pensionierung zu publizieren, wurde durch seinen plötzlichen Tod 1921 verhindert, nur wenige Monate nach Ende seiner Amtszeit. Der Ankauf durch die Preußische Staatsbibliothek Berlin erfolgte 1926. Vom Umfang her umfasste die Sammlung 10 Kästen mit Durchreibungen von Einzelstempeln auf Karteizetteln, die mit Aufbewahrungsort mit entsprechenden Bibliotheks- und Signaturenangaben bezeichnet waren, sowie 10 Kästen mit Teil- und Gesamtdurchreibungen von Bucheinbänden. Die von Schwenke angelegten Mappen waren beschriftet und mit regionaler Bestimmung der Werkstätten versehen. Hierbei hatte sich Schwenke unter Verzicht auf länderspezifische Zuweisungen für eine Einteilung nach Städten entschieden, um Überschneidungen zu vermeiden und ein rasches Auffinden des Materials zu ermöglichen.

Andere bibliothekarische Interessen und die Wirren des Zweiten Weltkrieges brachten die bereits von Schwenke gefassten Pläne zur Veröffentlichung seiner Sammlung in den kommenden Jahrzehnten vorläufig zum Erliegen. Erst 1965 übernahm die renommierte Einbandforscherin Ilse Schunke (1892-1979) im Auftrag der Staatsbibliothek zu Berlin unter ihrem Direktor Horst Kunze die schwierige Publikationsaufgabe. Für den 1979 veröffentlichten Band I (Motive) orientierte sie sich an den von Schwenke vorgegebenen Angaben, die eine alphabetische Ordnung der Motive vorsah, ohne sich jedoch davon abhängig zu machen. Damit war das Stempelmaterial erstmals zitierfähig. Bis zu ihrem Tod 1979 konnte sie auf dieser Grundlage den Band II (Werkstätten) vorbereiten, der neben der Auflistung der Stempel und Belege Literatur sowie eine nähere Bestimmung der Werkstatt liefern sollte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Artikel Aachen bis Tübingen fertig gestellt.

Um das begonnene Vorhaben zum Abschluss zu bringen, entschloss sich die Leitung der Staatsbibliothek nach der Wiedervereinigung 1994 zur Veröffentlichung des unvollendeten Manuskriptes des Werkstättenbandes. Die redaktionelle Verantwortung lag bei dem damaligen Leiter der Inkunabelabteilung Holger Nickel, der vor allem die Überprüfung der Stempellisten und eine behutsame sprachliche Korrektur des Textes übernahm. Um weitere zeitliche Verzögerungen zu vermeiden, verzichtete man auf eine vollständige Überprüfung und kunsthistorische Aktualisierung des Manuskriptes von Ilse Schunke. Zur Ergänzung der fehlenden Artikel Uelzen bis Zwolle wurde der Einbandforscher Konrad von Rabenau herangezogen, während die Artikel Aachen bis Tübingen auf Schunke zurückgehen. Hier hat von Rabenau nur deutliche Mängel bereinigt und seine Korrekturen und Ergänzungen mit dem Kürzel KvR versehen. Mit dem gedruckten "Schwenke-Schunke" stand der Forschung somit ein Konvolut von 7409 Werkzeugen zur Verfügung, die 1568 Werkstätten zugewiesen sind.

Heute wird die Schwenke-Sammlung im Magazin der Handschriftenabteilung, Referat Inkunabeln der Staatsbibliothek zu Berlin aufbewahrt. Sie umfasst ca. 4440 Durchreibungen (Blatt) mit ca. 7500 Einzelstempeln (nur wenige Rollen und Platten). Ihre Erschließung im Rahmen der Einbanddatenbank erfolgt anhand der Teil- und Gesamtdurchreibungen. Viele der auf Karteizettel montierten Einzelstempel wurden abgelöst und als Reproduktionsvorlagen für das zweibändige Druckwerk genutzt, so dass diese nicht mehr zur Verfügung stehen.

Damit schließt sich für die Zeit des spätgotischen Bucheinbandes geographisch die Lücke zwischen den Sammlungen in Wolfenbüttel (norddeutscher Raum), Stuttgart (südwestdeutscher Raum) und München (süddeutscher Raum). Unter Einbeziehung neuester Erkenntnisse der Einbandforschung ist nicht nur die Kennzeichnung von Werkzeug- und Werkstattdubletten des gedruckten Schwenke-Schunke gewährleistet, sondern es ist darüber hinaus ein Zuwachs an Werkzeugen und Werkstätten insbesondere des mittel- und ostdeutschen Raumes zu erwarten. Für die weitere Erforschung der Buch- und Druckgeschichte, der Einbandüberlieferung Mittel- und Ostdeutschlands sowie der Handwerks- und Sozialgeschichte dieser Zeit hat die Schwenke-Sammlung eine überragende Bedeutung. Darüber hinaus wird es möglich, viele der Handschriften- und Inkunabeleinbände, die heute zu den Kriegsverlusten gerechnete werden müssen, virtuell zu dokumentieren. Mit der Bereitstellung dieses Materials in der Einbanddatenbank hat der Nutzer Zugriff auf die wichtigsten in Deutschland vorhandenen Sammlungen zum Einbandschmuck der Spätgotik, die ihm als elektronische Ressource in kompakter und komfortabler Form zur Verfügung stehen.

Literatur (in Auswahl):

  • HUSUNG, MAX JOSEF: Paul Schwenkes Nachlaß und die jüngsten Einband-Publikationen. In: Zentralblatt für Bibliothekswesen 40, 1923, S. 62?66
  • DERS:: Paul Schwenkes Nachlaß. Wert und Verwertung. In: Zentralblatt für Bibliothekswesen 43, 1926, S. 39?43
  • DERS: Paul Schwenkes Nachlaß. Zur Geschichte des kleinen Einzelstempels im 12-15. Jahrhundert. In: Jahrbuch der Einbandkunst 1, 1927, S. 39?43
  • Die Schwenke-Sammlung gotischer Stempel- und Einbanddurchreibungen: nach Motiven geordnet und nach Werkstätten bestimmt und beschrieben von Ilse Schunke. 1. Einzelstempel. Berlin: Akademischer Verlag, 1979 (Beiträge zur Inkunabelkunde. Folge 3; 7)
  • Die Schwenke-Sammlung gotischer Stempel- und Einbanddurchreibungen: nach Motiven geordnet und nach Werkstätten bestimmt und beschrieben von Ilse Schunke. Fortgeführt von Konrad von Rabenau. 2. Werkstätten. Berlin: Akademischer Verlag, 1996 (Beiträge zur Inkunabelkunde. Folge 3; 10)
  • Kyriss bei Schunke-Schwenke: Ein Index von Michael Laird ergänzt durch Paul Needham und Konrad von Rabenau in: Einbandforschung Heft 2, 1998, S. 10-20
  • HÄRTEL, HELMAR: Die Schwenke-Sammlung gotischer Einbandstempel. In: Einbandforschung Heft 4, 1999, 4, S. 61-64
  • RABENAU, KONRAD VON: Zur Entstehung von Schwenke/Schunke. Wie sich die Verantwortung für dieses Werk verteilt. In: Einbandforschung Heft 11, 2002, S. 38-39
  • LAIRD, MICHAEL und Paul NEEDHAM: Unofficial Index to Ilse Schunkes Die Schwenke-Sammlung (2003) http://www.bibsocamer.org/BibSite/Laird-Needham/s-s.html


Letzte Änderung: 16.10.2008 fd

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